Bericht Formula Student HANIX No.31

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Alles für das Auto

Da ackert man, macht Überstunden neben der Uni, entwickelt Leichtbauteile und Akkukästen, wie sie so noch in keinem Serienfahrzeug zu finden sind. All das, um einmal im Jahr mit eigens konstruierten Rennwagen auf dem Hockenheimring mächtig Eindruck bei den Ingenieuren der großen Autohersteller zu schinden. Und dann geht es nicht nach Stuttgart oder München. Nein, Audi ruft in die Provinz nach Neckarsulm. Es ist ein Wettstreit der Besten für die Besten.

Samstagnachmittag im August um 15 Uhr. Ein Regenschauer geht auf den Asphalt des Hockenheimrings nieder. Im Infield des Motodroms flitzt ein kleiner Rennwagen über den eng gesteckten und nur langsam abtrocknenden Kurs. Das Fahrgeräusch klingt wie das eines ferngesteuerten Spielzeugautos, gespielt wird hier aber nicht. Der Pilot geht in jeder Kurve ans Limit, über die Distanz von 23 Kilometern soll sein Akkukasten konstant mindestens 80 Prozent Leistung abrufen. Das Zusammenspiel von Elektroantrieb und Leichtbau ist für die optimale Reichweite der Schlüssel.
Im Ziel blinkt eine neue Bestzeit auf und der Computer spuckt die Daten aus: Über 85 Prozent der maximalen Leistung abgerufen. Zurück in der Box kommt der Renner wieder ans Ladegerät, im nächsten Run soll es noch etwas besser gehen. Auf dem Weg zum Start stehen die Ingenieure der großen Hersteller Spalier und notieren sich die Startnummer eifrig in ihre Notizblöcke. Sie wissen, hier fährt die Zukunft vor.

Am schönsten ist Motorsport da, wo noch alles möglich ist. Wo auch kleine Teams mit wenig Budget Chancen haben. Wo der Teamgeist den Ausschlag gibt, Ideen und persönliches Engagement. In der Formula Student Germany (FSG) ist das so. Der Konstruktionswettbewerb, der seit 2006 vom VDI – Verein Deutscher Ingenieure – ausgerichtet wird, zieht jedes Jahr aufs Neue motorsportbegeisterte Studenten an. Neben dem Studium entwickeln sie einen einsitzigen Rennwagen mit freistehenden Rädern, einen klassischen Monoposto. Im Sommer zelten dann Teams aus aller Welt für fünf Tage am Hockenheimring, um in mehreren
Einzelwettbewerben zu ermitteln, was ein Jahr Entwicklungsarbeit tatsächlich wert ist. Rund 3500 Teilnehmer in 140 Teams treten an. Zum ersten Mal sind dieses Jahr in der FSG mehr Elektrorennwagen dabei als Rennwagen mit Verbrennungsmotor. Das Treffen am Hockenheimring ist Rennsport und Wettstreit um die klügsten Nachwuchs-ingenieure zugleich.

»Wir sind hier, um von denen zu lernen, wie die Zukunft aussehen kann«, sagt Michael Kerber, 57, ein gestandener Ingenieur, der für die Quattro AG in Neckarsulm Fahrwerke für den Audi RS5 oder den RS6 entwickelt. Für ihn sind die vier Tage im Sommer bei der FSG gesetzt, seit der Premiere 2006 hat er 35 hochtalentierte Ingenieure zu Audi locken können. Kerber ist eine auffällige Erscheinung und ein gefragter Mann. Er ist für Audi da, aber irgendwie auch in eigener Sache. Unermüdlich marschiert er in der Boxengasse von Team zu Team, hilft, wenn ein Auto nicht funktioniert, saugt alle technischen Neuheiten auf wie ein Staubsauger und sucht bei kniffligen Fragen den Schlagabtausch, hier der erfahrene Ingenieur, dort die jungen Herausforderer. In Amerika nennen Sie so Typen wie ihn einen »Patrol Head«, einen, der Benzin nicht nur im Blut, sondern auch im Kopf hat. Richtig in Fahrt kommt Kerber, wenn er bei den Jury-Entscheidungen als Judge die besten Boliden bewerten darf. Dann wird tief gebohrt. Manchmal so weit, bis er die Antwort auf seine Frage nicht mehr versteht. Dieser Schlagabtausch der jungen Wilden mit den erfahrenen Punktrichtern und Experten ist die eigentliche Herausforderung der FSG. Wer hier besteht, zu dem laufen die Hersteller anschließend in die Box, um sich die technische Lösung, die sie bei der Präsentation noch nicht durchdrungen haben, nochmal genau erklären zu lassen.

 

Es gewinnt nicht einfach das schnellste Auto, sondern das Team mit dem besten Gesamtpaket aus Konstruktion und Rennperformance, Finanzplanung und Verkaufsargumenten. Eine Jury aus Experten aus Motorsport, Automobil- und Zulieferindustrie bewertet über mehrere Tage hinweg Teams und Fahrzeuge in drei statischen und vier dynamischen Disziplinen und vergibt Punkte. Das Reglement der FSG gewährleistet, dass der Wettbewerb nicht zu gefährlich wird. Immerhin sind die Piloten ausnahmslos Amateure und die Teams arbeiten neben dem Studium unentgeltlich mit vergleichsweise winzigen Budgets. Es gibt auch weder eine Startaufstellung noch Massenstarts: Die Leistungen der Eigenkonstruktionen werden ausschließlich einzeln ermittelt. Auch da kommt es auf höchste Konzentration und fahrerische Perfektion an, denn die kleinen Renner werden auf den eng gesteckten Kursen im Infield des Motodroms voll am Limit gefahren. Abflüge und Kollisionen sind aber so gut wie ausgeschlossen.

Auch neben der Strecke findet in Hockenheim bei der FSG ein Wettstreit statt. Der Wettstreit der Autohersteller. Im Fahrerlager grüßen die bekannten Logos der deutschen Premiummarken und streiten auf Fahnen und Werbeinseln um die Gunst der Besucher. Sie schaffen Raum für Gespräche und WLAN mit Catering ist bei den Studenten schwer beliebt. An den Messeständen warten die Personalbetreuer mit Informationen über ihr Unternehmen und suchen ganz gezielt das Gespräch mit dem Ingenieur-Nachwuchs. Die Top-Leute haben Angebote von überall. Deshalb betreiben alle Hersteller diesen Aufwand. Man kennt sich, viele Ingenieure und Studenten sind nicht zum ersten Mal dabei. Auch für die Studenten ist es wichtig, Kontakte zu einem der großen Autohersteller in Deutschland zu knüpfen. Ein Praktikum oder eine Diplomarbeit, das ist der normale Einstieg. Wenn es um die Wurst geht, können die Hersteller aber auch sehr schnell konkret werden. »Wenn ich ein Supertalent entdecke, dann schleppe ich ihn direkt hier an den Audi Nachwuchsstand und erzähle jedem: Den brauchen wir. Und zwar so lange bis eine Stelle gefunden ist«, kennt Michael Kerber keine Berührungsängste. Personaler und Ingenieure arbeiten dafür an den vier Tagen Hand in Hand und mancher Student hat noch vor Ende der Veranstaltung auf dem Hockenheimring einen Vertrag in der Tasche.

Noch etwas verfängt bei den Studenten: Echtes Interesse und das Gefühl ernst genommen zu werden. Kurz vor dem Start zum Beschleunigungswettbewerb hat bei einem Team aus Valencia das Auto nicht funktioniert. Die Spanier sind zum ersten Mal hier und waren hilflos. Kerber war zufällig in der Nähe und hat kurzerhand mit angepackt. Mit seiner Hilfe haben sie ihren Boliden noch rechtzeitig an den Start gekriegt. Die Experten von Audi spielen hier nicht die Oberlehrer, sondern sind mit Herz und Hirn bei der Sache. »Da ist es mir wurscht, ob der von Daimler oder BMW gesponsert wird, wenn es ein Problem gibt stecken wir die Köpfe zusammen und versuchen gemeinsam eine technische Lösung zu finden«, beschreibt Kerber den Spirit der FSG.

In Neckarsulm bei Audi angekommen, grübeln einige der Nachwuchskräfte schon, in welche Region sie ihr Ehrgeiz hingeführt hat. Die meisten geben ehrlich zu, dass es die Aufgabe war, für einen der attraktivsten Autobauer arbeiten zu dürfen, die sie hergelockt hat. Wer hier ist, findet
Heilbronn und seine Umgebung dann eigentlich ganz cool. Die Lage am Neckar, die Weinberge, das erholsame Umland und am Wochenende mal kurz nach Frankfurt, Stuttgart, Mannheim oder an den Bodensee, da kann man nicht meckern. Die Region gewinne, so sagen sie, auf den zweiten Blick.

 

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